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23.03.2014

Nachruf auf Jean-Paul Divo

Ein persönlicher Nachruf auf Jean-Paul Divo, 8. 8. 1937 – 13. 2. 2014 

  Aufnahme vom 10. 6. 2006 an der Hochzeit  seiner Nichte Sandra Reuter-Divo
    
«Du herrlich Glas, nun stehst du leer,
Glas, das er oft mit Lust gehoben;
die Spinne hat rings um dich her
indes den düstern Flor gewoben.

Still geht der Mond das Tal entlang,
ernst tönt die mitternächt’ge Stunde,
leer steht das Glas, der heil’ge Klang
tönt nach in dem kristallnen Grunde»
Justinus Kerner


Anlässlich eines Besuches  in Frankfurt in den frühen 1970er Jahren bei der Firma Dr. Busso Peus Nachf., bei der ich in der Numismatik anfing, lernte ich Paul kennen. Damals dachte ich: «Das ist die grosse internationale numismatische Welt», vertreten durch ihn. Er war zu dieser Zeit Leiter der Neuzeitlichen Münzabteilung bei der Bank Leu in Zürich.
Als ich selbst beruflich in die Schweiz wechselte, entwickelte sich in den kommenden Jahren unsere Bekanntschaft zu einer Freundschaft. Ich bewunderte seine Fähigkeit, mit allerlei Kundschaft, ob Hochadel oder mediterraner Bauer, einen freundlichen und bleibenden Kontakt zu entwickeln. Sein Name war in der ganzen numismatischen Welt bekannt, und er genoss einen tadellosen Ruf.

Paul wurde am 8. August 1937 in Luxemburg geboren. Von den Eltern bekam er sein Interesse an Literatur, Kunst und Geschichte in die Wiege gelegt. Als Schüler konnte man ihn auf Feldern um Luxemburg finden, wo man damals römische Münzen förmlich vom Boden auflesen konnte. Die Abende wurden dann mit der Bestimmung der Münzen verbracht. Im luxemburgischen Münzverein lernte er den späteren Münzhändler Romain Probst und den Wissenschaftler Raymond Weiler kennen. Freundschaften die Ihn sein Leben lang begleiten sollten.

Als er 1958 nach seiner Militärzeit ein Inserat der Firma Seaby’s  in London für einen Münzhändlerposten las, meldete er sich und wurde angenommen. Das war der Start einer grossen numismatischen Karriere. Sein beruflicher Werdegang war mannigfaltig. Er arbeitete zuerst bei den berühmten alten Firmen Seaby’s , Bank Leu und Spink (dort als Geschäftsführer der Zürcher Niederlassung); danach als Teilhaber bei der Hess-Divo AG (vormalige Adolph Hess AG).

Es ist beachtlich, dass er die Zeit und Energie fand, seine vielen Bücher und Publikationen zu schreiben. Einige werden wohl für immer Standardwerke bleiben. Sie sind ein Spiegelbild seines  grossen und breiten numismatischen Wissens.

Mit Edwin Tobler schrieb er die Standardwerke für die Schweizer Münzen seit dem 17. Jahrhundert. Aber er interessierte sich auch für die Münzen des modernen Griechenlands, Grossbritannien und zum Ende seines Lebens, für Frankreich und das Elsass. Über französische Medaillen schrieb er zwei Werke mit seiner Ehefrau Françoise Page. Mich beeindruckten immer seine grossen Kenntnisse und sein Interesse für zum Teil kleine Nebengebiete der Numismatik. Er sprach fliessend Deutsch, Französisch, Letzeburgisch, Englisch, Italienisch und sogar etwas Japanisch, das er sich bei seiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Spink-Taisei aneignete. Er leitete sogar einige Auktionen in Tokyo! NumisPost Leser werden ihn als Ovid kennen, der monatlich „Briefe aus Paris“ zusandte. Er berichtete über den französischen Handel, Museen, Persönlichkeiten und alles, was einen Sammler interessieren konnte.

Zweimal verheiratet, pendelte er in seiner zweiten Ehe zwischen Paris und dem geliebten Tessin mit seinem Dackel Maxi, immer mit Zwischenstopp Zürich, wo seine Töchter aus erster Ehe, Juliet und Karin, wohnen. Seine Gesundheit war angeschlagen, seit er an einer Auktion in Lugano 1994 mit Herzversagen zusammenbrach. Glücklicherweise konnte ein Kollege ihm sofort Herzmassage leisten, auch Notarzt und Ambulanz waren schnell da, und er wurde wiederbelebt. Damals durfte ich dann seine Auktion, die kurz danach stattfand,  stellvertretend als Versteigerer leiten. Anschliessend ging es ihm jahrelang gut, bis im letzten Jahr die gesundheitlichen Probleme zunahmen, sodass  er am 13. Februar 2014 in Zürich starb.

Paul war Gründungsmitglied der Schweizer Standesorganisation der Münzenhändler und 1981 der Initiator des Otto Paul Wenger Preises, den der Verband Schweizer Berufsnumismatiker (damals Verband Schweizer Münzenhändler) nun in unregelmässigen Abständen an verdienstvolle Personen oder Institutionen in der Numismatik verleiht. 1997 erhielt Paul diesen Preis selbst für seine vielen Publikationen, Auktionskataloge und allgemeine Verdienste um den Münzenhandel und die Numismatik. 

Nachdem er 14 Jahre als Sekretär und über 20 Jahre als Editor des Bulletins der AINP (dem internationalen Verband der Münzenhändler) gedient hatte, wurde er 1997 zum Präsidenten dieser Organisation  gewählt. Das war für ihn die Krönung seiner Tätigkeit im Handel. Er hielt dieses Amt für vier Jahre inne. Am 20. Juli 2005 wurde ihm vom Grossherzogtum Luxemburg ein Verdienstorden überreicht. Er wurde dadurch zum «Officier de l’Ordre de Mérite du Grande Duché de Luxembourg» ernannt. 

Für alle Münzhändler die ihn kannten, ist sein Tod ein schmerzvoller Verlust. Die Zürcher Auktions- und Verbandsszene wird nicht mehr so sein, wie damals, als Paul im Auktionssaal sass oder bei einem Numismatiker Treffen einen mitreissenden Vortrag hielt. 

Paul hinterlässt seine Frau Françoise Page-Divo, seine Töchter Juliet und Karin, Sohn Mark und Enkelsohn Lumi. Ihnen drücke ich mein aufrichtiges Beileid aus. 

Seine Kolleginnen und Kollegen und ich werden ihn nicht vergessen und ihm ein ehrenvolles Andenken erhalten.

Paul, wir vermissen Dich…

L. N.-L.