In Memoriam
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Im Gedenken an unsere Weggefährten
Kurt Paul Zimmermann
1937 − 2025
Mit grossem Bedauern geben wir bekannt, dass unser guter Freund und langjähriges Mitglied unseres Verbands, Kurt Paul Zimmermann, am 15. November 2025 im Alter von 88 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben ist.
Nachruf von Lars Rutten & Yves Gunzenreiner, Leu Numismatik
Erst noch hat er beschlossen, sich von seinen Schätzen, einer seit fast sieben Jahrzehnten aufgebauten Sammlung, zu trennen. So wurde ein Teil seiner antiken, mittelalterlichen und modernen Münzen bei Leu Numismatik im Oktober versteigert und Kurt verfolgte die Auktion online mit grosser Aufmerksamkeit und sichtlicher Freude.
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Autodidakt
Geboren am 8. Januar 1937 in Winterthur-Veltheim, fand Kurt schon früh den Weg zur Numismatik. Seit Mitte der 1950er-Jahre widmete er sich mit wachsendem Enthusiasmus dem Sammeln und Forschen. Parallel zu seiner kaufmännischen Laufbahn baute er eine umfangreiche Bibliothek auf und entwickelte sich zu einem profunden Kenner – erst als Autodidakt, später als erfahrener Händler.
Monetarium der SKA & Numismatischer Verein Zürich
Seine berufliche Tätigkeit im Monetarium der Schweizerischen Kreditanstalt, dem er von 1969 bis 1996 angehörte, prägte nicht nur seine eigene Laufbahn, sondern auch den Schweizer Münzhandel jener Jahrzehnte. Er war als Händler und Numismatiker tätig und entwickelte sich zu einem Spezialisten für römische Münzen, blieb dennoch stets ein Allrounder, der das gesamte Spektrum der antiken wie auch modernen Numismatik im Blick hatte.
Die frühen Stationen seiner Tätigkeit als numismatischer Einkäufer bei der SKA blieben ihm lebenslang in Erinnerung:
So war die Peus-Auktion 270 in Frankfurt 1969 seine erste grosse Reise im Auftrag der SKA. Kurz darauf folgte die Teilnahme an der Auktion der Sammlung Baldwin (Glendining, London 1969), aus der gleich 22 Stücke den Weg in seine spätere Privatsammlung fanden. Unvergessen blieb ihm auch die spektakuläre Sotheby’s-Auktion 1972 in Zürich mit den Aurei des Metropolitan Museum of Art, bei der die SKA mit grosser Resonanz als Hauptkäuferin auftrat. Diese Erlebnisse prägten ihn – und sie machten ihn zu einem Zeitzeugen vieler Veränderungen des internationalen Münzmarkts.
Nach der Schliessung des Monetariums blieb Kurt der Numismatik bis 2011 treu, unter anderem bei Leu Numismatik und LHS, wo er sein Fachwissen mit grosser Geduld und Präzision an jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergab.
Über 22 Jahre lang diente er zudem als Revisor des Numismatischen Vereins Zürich – eine Aufgabe, der er bis Anfang 2025 mit derselben Akribie, Sorgfalt und Verlässlichkeit nachkam, die all sein Tun prägten.
Ein Mann mit vielen Leidenschaften
Kurt war ein Mann mit vielen Leidenschaften: ein Kenner von Pferderennen, ein Liebhaber guter Weine, ein Sammler nicht nur von Münzen, sondern auch von Grafiken. Legendär waren seine minutiös geführten Karteikarten zu seiner Sammlung: gestochen scharf, akribisch geordnet und reich an sorgfältig recherchierten Provenienzen – ein Spiegel seines perfektionistischen und zugleich zutiefst liebevollen Umgangs mit seinem Hobby.
Als Porträtsammler wusste er genau, welche Münze ihm zusagte und welche nicht – und er nahm lieber eine Lücke in der Reihe in Kauf, als ein Stück zu erwerben, das seinen stilistischen Ansprüchen nicht genügte. So suchte er über viele Jahre einen passenden Pertinax. Da jedoch kein Exemplar seinem Ideal entsprach, blieb diese Stelle in seiner Sammlung bis zuletzt unbesetzt. Und erst 2023 gelang es ihm, das «Stück seiner Träume» – eine Münze des Victorinus – zu erwerben.
Kurt Zimmermann war in der Schweizer Sammlerszene bestens vernetzt. Er war ein geschätzter Freund, ein kluger Gesprächspartner und ein Mensch mit Charakter, Humor und grosser Herzensbildung.
Wir werden Kurt in ehrender Erinnerung behalten.
Jean-Paul Divo
1937 − 2014
«Das ist die grosse internationale numismatische Welt, vertreten durch ihn. Sein Name war in der ganzen numismatischen Welt bekannt, und er genoss einen tadellosen Ruf».
Nachruf von Lutz Neumann-Lysloff
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Ein vielfältiges Interesse bereits in die Wiege gelegt
Paul wurde am 8. August 1937 in Luxemburg geboren. Von den Eltern bekam er sein Interesse an Literatur, Kunst und Geschichte in die Wiege gelegt. Als Schüler konnte man ihn auf Feldern um Luxemburg finden, wo man damals römische Münzen förmlich vom Boden auflesen konnte. Die Abende wurden dann mit der Bestimmung der Münzen verbracht. Im luxemburgischen Münzverein lernte er den späteren Münzhändler Romain Probst und den Wissenschaftler Raymond Weiler kennen. Freundschaften die Ihn sein Leben lang begleiten sollten.
Start einer grossen numismatischen Karriere
Als er 1958 nach seiner Militärzeit ein Inserat der Firma Seaby’s in London für einen Münzhändlerposten las, meldete er sich und wurde angenommen. Das war der Start einer grossen numismatischen Karriere. Sein beruflicher Werdegang war mannigfaltig. Er arbeitete zuerst bei den berühmten alten Firmen: Seaby’s, Bank Leu und Spink (dort als Geschäftsführer der Zürcher Niederlassung); danach als Teilhaber bei der Hess-Divo AG (vormalige Adolph Hess AG). Es ist beachtlich, dass er die Zeit und Energie fand, seine vielen Bücher und Publikationen zu schreiben. Einige werden wohl für immer Standardwerke bleiben. Sie sind ein Spiegelbild seines
grossen und breiten numismatischen Wissens.
Mit Edwin Tobler schrieb er die Standardwerke für die Schweizer Münzen seit dem 17. Jahrhundert. Aber er interessierte sich auch für die Münzen des modernen Griechenlands, Münzen von Grossbritannien und zum Ende seines Lebens, von Frankreich und dem Elsass. Über französische Medaillen schrieb er zwei Werke mit seiner Ehefrau Françoise Page.
Mich beeindruckten immer seine grossen Kenntnisse und sein Interesse für zum Teil kleine Nebengebiete der Numismatik. Er sprach fliessend Deutsch, Französisch, Letzeburgisch, Englisch, Italienisch und sogar etwas Japanisch, das er sich bei seiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Spink-Taisei aneignete. Er leitete sogar einige Auktionen in Tokyo! NumisPost Leser werden ihn als Ovid kennen, der monatlich „Briefe aus Paris“ zusandte. Er berichtete über den französischen Handel, Museen, Persönlichkeiten und alles, was einen Sammler interessieren konnte.
Gründungsmitglied, Sekretär & Officier de l’Ordre de Mérite
Paul war Gründungsmitglied der Schweizer Standesorganisation der Münzenhändler und 1981 der Initiator des Otto Paul Wenger Preises, den der Verband Schweizer Berufsnumismatiker (damals Verband Schweizer Münzenhändler) an verdienstvolle Personen oder Institutionen in der Numismatik verleiht. 1997 erhielt Paul diesen Preis selbst für seine vielen Publikationen, Auktionskataloge und allgemeine Verdienste um den Münzenhandel und die Numismatik.
Nachdem er 14 Jahre als Sekretär und über 20 Jahre als Editor des Bulletins der AINP (dem internationalen Verband der Münzenhändler) gedient hatte, wurde er 1997 zum Präsidenten dieser Organisation gewählt. Das war für ihn die Krönung seiner Tätigkeit im Handel. Er hielt dieses Amt für vier Jahre inne. Am 20. Juli 2005 wurde ihm vom Grossherzogtum Luxemburg ein Verdienstorden überreicht. Er wurde dadurch zum «Officier de l’Ordre de Mérite du Grande Duché de Luxembourg» ernannt.
Für alle Münzhändler die ihn kannten, ist sein Tod ein schmerzvoller Verlust. Die Zürcher Auktions- und Verbandsszene wird nicht mehr so sein, wie damals, als Paul im Auktionssaal sass oder bei einem Numismatiker Treffen einen mitreissenden Vortrag hielt. Paul hinterlässt seine Frau Françoise Page-Divo, seine Töchter Juliet und Karin, Sohn Mark und Enkelsohn Lumi. Ihnen drücke ich mein aufrichtiges Beileid aus. Seine Kolleginnen und Kollegen und ich werden ihn nicht vergessen und ihm ein ehrenvolles Andenken erhalten.
Paul, wir vermissen Dich…
Lutz Neumann-Lysloff
Edwin Tobler
1922 − 2020
Ich weiss nicht mehr, wann ich Edwin Tobler das erste Mal getroffen habe, aber dafür kann ich mich genau an das WO erinnern. Es war während eines der festlichen Mittagessen, die auf die Verleihung des Otto-Paul-Wenger-Preises folgten.
Nachruf von Frau Dr. Ursula Kampmann
Ich durfte am Ehrentisch mit den ehemaligen Preisträgern Platz nehmen und war ein wenig beschwipst – mehr von der Ehre als vom Champagner. Ich hatte mich schon fast zwei Stunden mit dem netten älteren Mann neben mir unterhalten, als mir einer ins Ohr flüsterte: «Du weisst schon, dass das Edwin Tobler ist?» Nein, ich hatte es nicht gewusst.
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Und von Suppe über Hauptgang bis hin zum Dessert war ich keine Sekunde lang auf die Idee gekommen, dass ich da neben einem der Päpste der schweizerischen Numismatik sitzen könnte! Edwin Tobler war wie immer viel zu bescheiden, um über sich selbst zu sprechen. Er hatte zugehört. Aber so war er einfach. Ein stilles Wasser, ein Mann mit einem enormen Wissen, der sich selbst nie wichtig nahm oder dem anderen aufdrängte.
Konditor, Tramkondukteur & ein Sammler von musealen Münzen
Edwin Tobler wurde 1922 in St. Gallen geboren. Er lernte das Handwerk eines Bäckers und Konditors und arbeitete einige Jahre in seinem Beruf in Schweden. Nach seiner Rückkehr fand er in Zürich Arbeit als Tramkondukteur.
Für all diejenigen, denen dieses Wort nichts mehr sagt: ein Tramkondukteur war früher bei jeder Fahrt mit der Strassenbahn dabei. Er verkaufte aus seiner Kondukteurstasche die Fahrscheine und lochte sie. Gut bezahlt war dieser Beruf sicher nicht, auch nicht als Edwin Tobler in der Hierarchie des Zürcher Verkehrsverbunds aufstieg zum Abrechner und Rechnungsführer. Und trotzdem baute Edwin Tobler eine Münzsammlung auf, die so bedeutend ist, dass sie heute nicht nur in einem Museum liegt, sondern auf mehrere Museen der Schweiz verteilt ist.
Raritäten, Neuentdeckungen und die liebe Wissenschaft
Bereits in Schweden hatte Edwin angefangen, Münzen zu sammeln. Er erwarb sich ein enormes Wissen. Denn ihn interessierte nicht der Wert oder gar das Investitionspotential einer Münze, sondern ihre historische, wirtschaftliche und geldgeschichtliche Aussage. Er beliess es nicht dabei, Münzen nebeneinander in einen Beba-Kasten einzureihen, sondern fing an, in die Archive zu gehen, sichtete dort das Material und lernte dafür, die alten Schriften zu lesen. So mancher Münzhändler dürfte überrascht gewesen sein, was ihm der bescheidene Mann über die Münzen zu erzählen wusste, die da auf den Tabletts lagen.
Edwin Tobler nutzte sein Wissen, um mit verhältnismässig wenig Geld eine fantastische Sammlung von Schweizer Kleinmünzen zusammenzutragen. Denen hatte bis dahin noch niemand echte Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb konnte er immer wieder unerkannte Raritäten finden und wissenschaftliche Neuentdeckungen machen. Da sich damals «ernsthafte» Wissenschaftler nicht mit so prosaischen Dingen wie neuzeitlichen Prägungen beschäftigten, wurde Edwin Tobler schnell zu einem geschätzten Experten und Buchautor, denn im Gegensatz zu den Wissenschaftlern interessierten sich unzählige Sammler für das gleiche wie Edwin Tobler.
Münzsammlen als Massensport – die späten 1960er Jahre
Edwin Tobler verfasst Bücher und Aufsätze über Schweizer Münzen
Erinnern wir uns: In den späten 1960er Jahren wurde das Münzsammeln zu einem Massensport. Viele Menschen drängten in diesen Bereich, die bis dahin nichts, aber auch gar nichts von Münzen gewusst hatten. Die meisten grossen Münzbörsen entstanden damals, aber auch Münzzeitschriften wie MünzenRevue und MoneyTrend. Sie hatten jenen dicken Bewertungsteil, in dem man eifrig jeden Monat überprüfte, wie die eigenen Münzen im Preis gestiegen oder gefallen waren. Doch es brauchte auch neuartige Literatur für die interessierten unter den Neusammlern. Und so überzeigte Jean-Paul Divo, damals bei der numismatischen Abteilung der Bank Leu, Edwin Tobler, mit ihm zusammen ein Buch über die Schweizer Münzen des 19. und 20. Jahrhunderts zu verfassen. Wir kennen es heute als «den» Divo-Tobler. Ihm folgten zwei weitere Bände über die Münzen der Schweiz des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie alle werden von soliden Münzhandlungen auch heute noch zitiert.
Es blieb nicht bei diesen drei Büchern. Vier Seiten umfasst Edwin Toblers Schriftenverzeichnis, das im August 1992 in den Schweizer Münzblättern anlässlich seines 70. Geburtstags veröffentlicht wurde. Wer es zum ersten Mal sieht, wird sich fragen, wer jener Hans Schweizer war, der die frühen darin katalogisierten Aufsätze verfasste. Nun, Edwin Tobler war viel zu scheu, um die ersten seiner «grundlegenden Aufsätze und Bücher zur Münzprägung Schweiz» – wie das Historische Lexikon der Schweiz über sie urteilt – unter eigenem Namen zu publizieren.
Er legte sich deshalb das Pseudonym Hans Schweizer zu. Und auch das war für ihn typisch: Er wählte keinen grossartigen Künstlernamen, sondern beschränkte sich darauf, mit seinem Namen zum Ausdruck zu bringen, dass er halt nichts weiter als ein einfacher Schweizer sei. Dass er wesentlich mehr war, wird jedem klar, der seine klugen, hervorragend recherchierten Artikel liest. Es ist bezeichnend, dass die meisten davon in der HMZ oder bei MoneyTrend erschienen, in den 80er Jahren die führenden Sammlerzeitschriften in der Schweiz resp. Deutschland. Nur einige wenige Beiträge publizierte Edwin Tobler in wissenschaftlichen Journalen wie den Schweizer Münzblättern, kein einziger erschien in der Schweizerischen Numismatischen Rundschau! Und das, obwohl ihn Hans-Ulrich Geiger in seiner kurzen Gratulation zum 70. Geburtstag als den anerkannten Spezialisten für schweizerische Kleinmünzen und die neuzeitliche Prägetätigkeit überhaupt» feierte.
Erst sein letztes, 2008 erschienenes Werk wurde von der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft in ihre Reihe Schweizer Studien zu Numismatik aufgenommen. In Zusammenarbeit mit Benedikt Zäch und Samuel Nussbaum hatte Edwin Tobler seine in den 90er Jahren begonnene Arbeit an einer Münzgeschichte St. Gallens in einem Buch zusammengefasst.
Immer ein offenes Ohr und einen klugen Ratschlag für Mitsammler
Edwin Tobler gehörte nicht zu denen, die ihre Meinung den anderen aufdrängen. Aber wer ihn fragte, bekam immer eine offene, ehrliche und kenntnisreiche Antwort. Edwin hat viele mit seiner Begeisterung inspiriert, mit seiner freundlichen Art für sich eingenommen.
Am 14. März 2020 starb er im Alter von 97 Jahren. Er durfte neben seiner geliebten Tochter Ursula ruhig und friedlich einschlafen. Ihr gilt unser Mitgefühl. Über allem aber ist eine unendliche Dankbarkeit für all das, was Edwin Tobler war und uns gegeben hat.
Edwin, wir werden Dich vermissen.
Dr. Ursula Kampmann
Erwin Dietrich
1926 − 2019
Mit Erwin Dietrich verliess ein weiteres Glied aus den Reihen der wirklich alten Garde unser irdisches Dasein.
Nachruf von H. U. Wartenweiler
Aus meiner Anfangszeit in der Numismatik erinnere ich mich noch an die Namen Winterstein, Stuker, Mildenberg, Wenger, Silk, Breithaupt, Zimmermann, Merk, Dietrich, Brand, Brosi, Rahm, Zürcher, Schneider, Bucher etc. Das waren diejenigen, welche dazumal die Numismatik in Schwung gehalten haben. Einige der Aufgezählten weilen zum Glück immer noch unter uns.
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Erwin Dietrich hat seinen ganz eigenen Weg gemacht
Erwin wuchs in einfachsten Verhältnissen in Zürich Wiedikon auf. Diese harten Jahre prägten ihn zeitlebens. Er hatte oft eine harte Schale. Doch wer ihn kannte, wusste, dass er damit nur sein verletzliches Inneres schützte. Nach der Schule zwang man ihn, den Beruf des Drechslers zu lernen. Nach der Lehre blieb er nur kurz im Beruf, verlor den Job, schlug sich mit verschiedenen Arbeiten durch und fand schliesslich im Seefeld bei Elektrowatt eine Anstellung als Ausläufer. Dies liess ihm Zeit für Nebenbeschäftigungen. In ihm steckte ein gewiefter Händler! Schon in dieser Zeit kaufte er vor Ostern grosse Mengen Schokoladehasen im Fabrikladen bei Linth & Sprüngli und verkaufte sie mit ein paar Rappen Gewinn an seine Kollegen weiter.
Erwin war schon in jungen Jahren sehr belesen, und so führte ihn der Weg in den Buchhandel. In der Folge eröffnete er 1957 ein Buchantiquariat im Zürcher Niederdorf. Dazu kamen noch Antiquitäten, welche er vor allem aus dem Südtirol herankarrte. Während seine Frau Mia den Laden hütete, fuhr er mit dem Citroen 2CV (Döschwo) nach Italien und kaufte so viel ein, dass er, einem Motorboot ähnlich, mit erhobener Motorhaube und herunterhängendem Heck den Gotthard erklomm und sich dann auf der anderen Seite den Schwung holte, um bis nach Zürich zu kommen. Kaum hatte er ausgeladen, standen die Sachen schon mit magerer Marge im Schaufenster, und er sattelte wieder seinen Döschwo Richtung Italien.
Vom Antiquaritat zum Handel mit Münzen
Ein etwa gleichaltriger Münzensammler namens Edwin Tobler stand oft vor dem Antiquariat und fragte die Dietrichs eines Tages, ob sie seine Doubletten ausstellen und verkaufen wollten. Der tüchtige Geschäftsmann Dietrich war zwar skeptisch, doch nahm er ein Tablar voller Metallscheiben in Kommission und stellte diese ins Fenster. Der rasche Verkaufserfolg brachte Erwin in der Folge auf den Geschmack, und er begann auch auf eigene Rechnung Münzen zu handeln. Langsam gerieten Bücher und Antiquitäten in den Hintergrund. Erwin setzte von nun an voll auf die numismatischen Werte. Dies ging auch einher mit dem Wechsel vom Niederdorf an den Werdmühleplatz. Dank einem Sammler, welcher bei der städtischen Liegenschaftenverwaltung angestellt war, konnte er sich für das Ladengeschäft bewerben und erhielt 1967 einen langjährigen Mietvertrag.
Tag und Nacht an der Arbeit - das Silber boomt
In dieser Zeit waren die Gebrüder Hunt im weltweiten Silberhandel aktiv. Da der Silberwert der ½ – 5 Franken Münzen höher als der Nominalwert war, begann man am Werdmühleplatz Silber aufzukaufen und einzuschmelzen. Die Familie wohnte in dieser Zeit im Städtchen Grünigen. Auch da engagierte sich Erwin aktiv im lokalen Heimatverein für die Forschung und Erhaltung historischen Wissens.
Der Boom war nicht nur im Silberankauf zu spüren. Die Leute begannen, Schweizer Münzen zu sammeln und merkten bald, dass einige Jahrgänge seltener waren als andere. HMZ und Münzenrevue entstanden und dies befeuerte wiederum den Münzenhandel. Es ging hoch zu und her in dieser Zeit. Den Tag durch kaufte man die Münzen und warf sie in die vorgesehenen Töpfe. In der Nacht sortierte man die seltenen Jahrgänge aus und fuhr um drei Uhr früh zur VALCAMBI ins Tessin zum Einschmelzen. Um 8 Uhr öffneten dort die Tore und man lieferte ab. War das Silber eingetroffen, telefonierte der Direktor nach Zürich und die Bank gab neues Geld frei, um den neuen Tag bestreiten zu können! Einige mögen sich sicher auch noch an die treuen Helfer Frau Seiler und Werner Weber erinnern. Während dieser Boomzeit hatte Erwin noch die Kraft und Nerven, sein wunderschönes Haus in Uhwiesen umzubauen.
Harte Zeiten folgen dem Höhepunkt von 1974
Ich erinnere mich noch an die Versteigerung der Stukerschen Sammlungen 1974, welche für heutige und damalige Zeiten unglaubliche Höchstpreise erzielten. Als dann der Silberpreis aufgrund von unfairen Praktiken der Banken implodierte, zerfiel auch der Münzenhandel. Auch Erwin erlebte eine harte Zeit. Er erzählte mir, wie er zu dieser Zeit drauflegte und vom «Fett» zehren musste. Er erkannte, dass sich der Münzenhandel neu organisieren musste und so wurde der Verband Schweizerischer Münzenhändler gegründet. Präsident Heiner Stuker, Sekretariat Erwin Dietrich.
Händler, Sammler, Verfasser & Aussteller
Journalistisch befasste sich Erwin zu verschiedensten Themen, oft mit Pseudonym. In der HMZ unter dem Pseudonym Fritz oder als legendärer Kiebitz, welcher verdeckt mit spitzer Feder die Eigenheiten im Münzenhandel beleuchtete. Im Eigenverlag schrieb er über Sparkassen, vormünzliche Geldformen und Primitivgeld. Nebst seiner Kässeli-Ausstellung wirkte er auch an verschiedenen weiteren Ausstellungen mit, so z. B. über Papiergeld und Fälschungen an der Münzenbörse Zürich. Ende der 80er Jahre bis Anfang der 90er Jahre kamen noch Auktionen dazu, erst in Bern, dann auch in Zürich. Hervorzuheben sind da vor allem die ausserordentlichen Sammlungen mit Notgeld. Aber auch Telefon- und Taxkarten kamen später unter den Hammer.
Eigentlich wollte sich Erwin anfangs der 80er Jahre zurückziehen, um seine Sparkässeli-Sammlung zu pflegen. Manch einer erinnert sich noch an die unendliche Vielzahl seiner Kässeli. Schlussendlich waren es beinahe 10’000 Stück, unter dem Giebel seines Hauses, kreativ ausgestellt.
Erwin verkauft seine Kässeli-Sammlung und Münzenhandlung
Wie es die Art von Erwin war, konnte er aus heiterem Himmel links umkehrt machen. Er trug die harten Konsequenzen, aber machte das, was sein harter Schädel wollte. So erzählte er mir, dass er einmal ein Haus im Tessin besass. Sein Nachbar hatte einen Hund, den er immer wieder schlug. Erwin, als grosser Tierliebhaber, er hatte zwei Collies, konnte das nicht ertragen und verkaufte das Haus innert einer Woche. Gleiches machte er einmal mit Anlagetiteln seiner Bank. Der Anlageberater kaufte Titel, welche Erwin untersagt hatte zu kaufen. Erwin ging zur Bank und verkaufte alle Titel bestens, holte das Geld bar ab und brachte es zu einer anderen Bank. So war er! Dasselbe geschah eines Tages auch mit den Sparkässeli. In seinem Sparkassenverband gab es einen Mann aus Japan. Und aus einer Laune heraus verkaufte er diesem Mann Knall auf Fall seine ganze Sammlung.
1983 verkaufte Erwin seine Münzenhandlung an Hermann Häberling. Die Firma wurde nun internationaler und Richtung USA und Asien ausgerichtet. Erwin war aber immer noch im Hintergrund für Hermann tätig und half im Geschäft und auch an Messen im Ausland.
Langjährige Freundschaft
Als ich (H. U. Wartenweiler) dann das Geschäft mitten in der Rezession von Hermann Häberling übernahm, war Erwin wieder da und ich fuhr oft zu ihm nach Uhwiesen. Am Kaminfeuer sassen wir zusammen. Ich konnte ihn alles fragen und er beriet mich wie ein Vater. Ohne ihn wären meine Wege bestimmt in ganz andere Richtungen verlaufen. Über all die Jahre hatte Erwin immer einen Arbeitsplatz in der Firma. So kam er meistens am Freitagmorgen und brachte angeschriebene Münzen mit. Er nahm alle anfallenden Münzen nach Hause, beschrieb sie auf einem «Fresszettel» mit Krause-Mishler-Nummern, sodass man dann Rähmchen machen konnte oder sie auf dem Tablar auflegte. Konnte er ein Stück nicht bestimmen, was selten war, kamen dann aber auch immer wieder lustige Kommentare aufs Papier, wie z.B. «seltener Batzen auf die österreichische Skifahrerdelegation ohne Jahr und Wert». Zum Mittagessen gings dann regelmässig mit seinem Freund Oskar zu Tisch und zur Zigarre.
Nach dem Jahr 2005 wurde es etwas stiller um Erwin. Mit der Zeit liess ihn sein Kopf immer mehr im Stich und er kam nicht mehr aus Uhwiesen weg. Das letzte Jahr verbrachte er in der Nähe seiner Tochter im Zürcher Oberland. Den Tod seiner Frau Mia im Jahr 2018 nahm er nicht mehr wahr und der Kreis zu ihr schloss sich am letzten Donnerstag, 26. September 2019.
H. U. Wartenweiler
Otto Paul Wenger
1919 − 1981
Am 25. September 1981 ist Otto Paul Wenger in seinem 63. Altersjahr von uns gegangen. Wir verloren in ihm einen liebenswerten Menschen, der sich in seinem Leben ein enormes Fachwissen über Geschichte und Münzen erwarb, das er aber nicht nur für sich behielt, sondern bestrebt war, dieses in Publikationen, Vorträgen und nicht zuletzt in persönlichen Gesprächen mit Sammlern und Forschern weiterzugeben.
Nachruf HMZ
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Vom Hobby zum Beruf
Otto Paul Wenger führte zunächst das väterliche Bonneteriegeschäft in Bern weiter. Überdies interessierte er sich für Libellen und sammelte Münzen. Der Kauf eines römischen As im Jahr 1949 bei der Münzen und Medaillen AG in Basel entfachte seine Leidenschaft für die Numismatik. 1968 löste der Silberboom in Deutschland und vor allem in der Schweiz ein landesweites Interesse am Münzensammeln aus. Dieses günstige Klima nutzte Otto Paul Wenger, um sein Hobby zum Beruf zu machen. 1970 gab er das väterliche Geschäft auf und übernahm bei der Schweizerischen Kreditanstalt die Numismatische Abteilung und trug bei deren Ausbau Wesentliches bei.
Von der Begeisterung des Münzensammelns
Für die Leser der Helvetischen Münzzeitung HMZ (heute Numis-Post) waren es vor allem die mit «-janus-» und «-opw-» gezeichneten Artikel, die aus seiner Feder stammten und von denen noch einige nach seinem Tod publiziert wurden, welche Otto Paul Wenger in der gesamten Schweiz bekannt machten. Vielen Sammlern wurde er auch bekannt durch seine im Hallwag-Verlag erschienene Kleine Münzkunde. Otto Paul Wenger hat sich zeit seines Lebens darum bemüht, durch populär-wissenschaftliche Publikationen breiteren Kreisen den Zugang zur Numismatik zu öffnen und Jugendliche für das Münzensammeln zu begeistern.
Vorstands- und Gründungsmitglied
Der Verstorbene trat 1949 der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft bei, wo er 1954 in den Vorstand gewählt wurde, dem er bis zu seinem Tode seine Dienste zur Verfügung stellte. Als Gründungsmitglied und späterer Vize-Präsident des Verbands Schweizerischer Münzenhändler (heute bekannt als Verband Schweizer Berufsnumismatiker VSBN) amtierte er mit grossem Engagement. Ihm zu Ehren rief der VSBN den «Otto Paul Wenger-Preis» ins Leben, welcher noch heute für besondere Leistungen im Dienste der Münzsammler vergeben wird.
Wir trauern nicht nur um einen mit grossem Wissen ausgestatteten Numismatiker, um einen guten Organisator und Kaufmann, sondern vielmehr um einen lieben Mitmenschen, der durch seine liebenswürdige und humorvolle Art vielen Menschen den Alltag verschönern konnte.
